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Kovbasyuk L.A. JUGENDSPRACHE UND IHRE ABARTEN IM GEGENWARTSDEUTSCHEN

Kovbasyuk L.A.

Dr. phil., Associate Professor,

Staatliche Universität Cherson

JUGENDSPRACHE UND IHRE ABARTEN

IM GEGENWARTSDEUTSCHEN

Unter gruppenspezifischen Wortschätzen versteht man Sonderwortschätze verschiedener sozialer Gruppen einer Sprachgemeinschaft mit gemeinsamen Lebensbedingungen. Sie entstehen in verschiedenen sozialen Gruppen der Gesellschaft außerhalb der Sphäre der Produktion, Wissenschaft und Technik. Ihr Gebrauch kennzeichnet den Sprecher als Angehörigen einer Interessen-, Freizeit-, Alters- oder Organisationsgruppe [8, S. 214]. Zu den bekanntesten gruppenspezifischen Wortschätzen des Deutschen gehören [9, S. 237-239]: 1) Studentensprache, 2) die Gaunersprache (das Rotwelsch oder Argot und 3) Jugendsprache. In diesem Beitrag werden Jugenddeutsch und seine Abarten (Kiezdeutsch und Zlango) im Gegenwartsdeutschen dargestellt.

Der Wortschatz von Jugendlichen, seine Eigenheiten und seine Abarten sind ein viel umstrittenes Problem der modernen Germanistik. Man nennt diesen Wortschatz in der wissenschaftlichen Literatur Jugendsprache, Jugenddeutsch, Jugendjargon, Jugendslang, Twendeutsch ect. Es handelt sich in diesem Fall um keinen Jargon im Sinne einer Einheit von lexikalischen, grammatischen und lautlichen Besonderheiten, die sich durch Systemhaftigkeit und Norm аuszeichnet: diese Jugendsprache ist sozial nicht gebunden und nicht beschränkt. Träger dieses Wortschatzes sind verschiedene Altersgruppen, sie umfassen Jugendliche im Alter von 14 bis 30 Jаhren. Jugenddeutsch ist ein komplexes sprachliches Register, das besonders wandelbar ist [10, S. 12]. Viele Wörter und Wendungen veralten sich sehr schnell, sind kurze Zeit aktuell bzw. in Mode, neue Wörter und Wendungen kommen immer auf, die auf Erwachsene überraschend, manchmal agressiv wirken: heul leise! (jammer hier nicht rum!); geh kacken! (hau ab!).

Th. Schippan gebraucht für diese Erscheinung den Terminus «Slang» und gibt folgende Definition, die von T. Lewandowski stammt: «Slang – der gruppenspezifische, burschikose, überexpressive und zugleich unterkühlte Wortschatz großstädtischer Jugend, in dem die Bereiche Geld, Mädchen, Sexualität, Musik, Polizei, Angst, Drogen und Tod besondere Metaphorik zeigen» [9, S. 237].

Der jugendspezifische Wortschatz weist folgende Merkmale auf [10, S. 25-26]: 1) Umdeutungen: bambus (cool, kass), 2) Polysemie (Atze: 1. Freund; 2. Anhänger des Atzenstyles), 3) Bedeutungsveränderte Wörter in festgefügten Wort- und Satzformen: was machen Sachen? (was geht?), 4) Analogiebildungen: auf den Docht/den Keks gehen (aufdringlich sein), 5) Sonderwortschätze: Swag (charismatisch-positive Ausstrahlung)m 6) Regionalismen, 7) Archaismen, 8) Fremdwörter (Anglizismen): Selfie (Fotoselbstporträt) und 9) bestimmte Wortbildungsmodelle und grammatische Umdeutungen: aldig (billig), Beilageesser (Vegetarier), jackpot (genial, toll), oberkrassgeil (sehr interessant) [5; 7].

Die Jugendsprache ist stark veränderlich, denn die Originalität geht bald verloren. Als gegenwärtige Tendenz im Ausbau dieses Wortschatzes ist der Gebrauch der Satzmuster, Stereotype für neue lexikalische Füllung zu nennen [9, S. 238]: Ich denk, ... , das oft mit unsinnigen Wendungen ausgefüllt wird: Ich denk, mein Hamster bohnert, mein Sparschwein quiekt, mich tritt ein Pferd, mich streift ein Bus.

Zu den renommierten Wörterbüchern der Jugendsprache in der BRD gehören vor allem «PONS. Wörterbuch der Jugendsprache» [7] und «100% Jugendsprache» [3], die jährlich erscheinen. Seit 2008 wird das Jugendwort (Wort oder Redewendung) des Jahres von einer Jury unter der Leitung des Langenscheidt-Verlags aus denjenigen Jugendwörtern ausgewählt, die in einer Internet-Abstimmung zu den 15 Meistgewählten gehörten. Dadurch soll die sich immer wieder wandelnde Jugendsprache dokumentiert werden. 2013 war es das Wort Babo – «Chef». Die in der Abstimmung führende Redewendung 2014 war Läuft bei dir – «Du hast es drauf! cool, krass». 2015 hat die Juri das Wort Smombie – «jemand, der wie gebannt auf sein Smartphone schaut und dadurch wie ein Zombie durch die Gegend läuft» als Wort des Jahres gewählt. Zur Top 10 des Jahres 2015 gehören u. a. merkeln, rumoxiedieren, Earthporn, bambus, Tinderella [5].

Laut P. Schlobinski «selbst wenn man unterstellt, man wüßte, was eine Jugendgruppe ist, dann gibt es immer noch so viele Jugendsprachen wie es Jugendgruppen gibt» [10, S. 40]. Deshalb kann man unseres Achtes vor allem 2 wichtige Typen der Jugendsprache unterscheiden: Kiezdeutsch (Kanakisch) und Zlango.

Sehr interessant für linguistische Untersuchungen ist der Sprachforscherin H. Wiese zufolge die Sprache von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die «Kiezsprache» bzw. «Kiezdeutsch» genannt wird. Bekannt geworden ist die Kiezdeutsch-Karikatur «Kanak Sprak» durch Ethno-Comedy-Shows wie «Stefan und Erkan». Die medial verbreiteten Begriffe wurden vielfach übernommen. Ohnehin finden sich in Jugendsprache oft Anspielungen auf Werbesprüche, Filme oder Lieder. In dieser Multikultisprache sind Begriffe aus dem Arabischen oder aus dem Türkischen, manchmal aus dem Russischen bei Teenagern angesagt. Insbesondere in den Großstädten entwickeln Kinder und Jugendliche verschiedener ethnischer Herkunft in ihren lokalen Netzwerken (meistens in Migrantenvierteln wie Berlin-Kreuzberg und Hamburg-Mümmelmannsberg) eine besondere Sprache, die auch Begriffe und Eigenheiten der unterschiedlichen Migrantensprachen enthält: Hayat – «Türkisch für Leben, Kosewort»: «Du bist hayat, ich lieb dich! 2; Yalla, Lan! Bin ich Kino? – «Guten Tag, Mann (Alter), bin ich im Kino?»; «Isch bin Hermannstraße. Mussu nisch so stress machen, lan. Ja, wenn isch dir sag! S-Bahn hat Verspätung. Wallah!» [11, S. 13-18].

Den Einfluss von Dialekt und Migration auf die Kommunikation der Jugendlichen erforscht man auch in Österreich, u. a. in den Landeshauptstädten und ländlichen Gebieten Österreichs. Das Projekt der Uni Graz unter der Leitung von A. Ziegler hat das Ziel, die Aufnahmen und wörtlichen Niederschriften im Deutschunterricht einzusetzen. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Dialekt ein wichtiges Identifikationsmerkmal bestimmter Jugendgruppen ist. In Österreich gibt es auch keine einheitliche Jugendsprache. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land ist der Einfluss von Migrationssprachen. Vom 26. bis 28. Mai 2016 findet an der Karl-Franzens-Universität die 8. internationale Konferenz zur Jugendsprache «Jugendsprachen. Variation – Dynamik – Kontinuität» statt. Ziel des Kongresses ist es, die Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Dynamik im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel vor dem Hintergrund innerer und äußerer Mehrsprachigkeit bei dennoch bestehenden kontinuierlich wiederkehrenden Routinen, die die Forschung vor immer neue Herausforderungen stellt, zu fokussieren [4].

Inhaltsreich und interessant für Linguisten ist auch Zlango, die Sprache der Jugendlichen in der SMS-Kommunikation, die sich auf bildlichen Darstellungen gründet, und die speziell für den Berichtenaustausch per Handy in Israel 2003 geschaffen wurde. Die Zlangosprache ist ein Satz der ikonischen Zeichen, die verschiedene Emotionen, Aktionen, Plätze, Bezeichnungen und Kennzeichen bezeichnen. Das ist eine Gefühl- und Gedankenausdrucksweise der SMS-Kommunikation. Der Geschprächsteilnehmer sendet einen Bericht, aber statt der Wörter benutzt er originelle Zeichen. Man kann die aus dem speziellen Katalog wählen. Alle Zeichen sind zu den Kategorien gruppiert. Das Gesamtvokabular der Zlango-Sprache enthält etwa 200 Wörter. Die Benennung «Zlango» stammt von dem ersten Buchstaben des Familiennamens von Ludovic Lazarus Zamenhof, der sich einen Namen als der Erfinder des Esperantos gemacht hat. Der zweite Teil des Begriffs «lango» ist eine Mischung von «lingo» (der Slang; der Jargon) und «language» (die Sprache). Derzeit besteht Zlango aus rund 200 Emoticons/Piktogrammen, die in 9 große Kategorien geteilt sind: 1) Menschen (Pronomen, Familienmitglieder, auch Gott, Teufel ect. ); 2) Handlungen (gehen, machen, essen); Stimmungs- und Gefühlsverben: (sehen, hören, streicheln); 3) Orte; 4) Emotionen; 5) Zeit; 6) Gedanken, Meinungen (wissen, kennen, denken); 7) Allgemeines (Punkt, Komma, Präposition ect.); 8) Beschreibungen (Adjektive und Adverbs); 9) Verschiedenes (Substantive). Da jedes der Symbole ein bestimmtes Wort, Konzept oder Gefühl ausdrückt, kann man bereits mit wenig Übung lustige Kurzberichte verfassen. Die Zlango-Berichte heißen ZMS – «Zlango Messaging»[2; 6].

Zlango ist vor allem in Israel, Polen sowie in einigen karibischen Ländern populär. In Israel finden unter anderem Fernseh-Gameshows statt, die das Erraten von Beispielsätzen zum Ziel haben. Auch werden in Israel Texte und Ausgaben mit den Zlango-Zeichen herausgegeben. Die Verwendung von Zlango in Deutschland ist derzeit nicht sehr verbreitet, weil 1) das Startup nicht so verbreitet ist, 2) Smartphones viel kosten und 3) der Versand von ZMS auch nicht billig ist [1; 12].

Die Analyse zeigt, dass die Jugendsprache, besonders mit dem Migrationshintergrund, ein weites Feld für moderne linguistische Studien ist. Von großem Interesse ist auch die Sprache der Jugendlichen in der SMS-Kommunikation, deren Erforschungen in Germanistik noch in den Kinderschuhen stecken.

Literaturverzeichnis:

  1. Ковбасюк Л.А. Zlango – нова мова німецької молоді? // Міжнародна конференція «Наука та сучасність: виклики ХХІ століття». 31 січня 2014 року, м. Київ. – К.: Центр наукових публікацій, 2014. – Частина IV. – C. 50-54.
  2. Пиктоязык Zlango // Netlore. Антология сетевого фольклора [Электронный ресурс]. – Режим доступа: http://www.netlore.ru/piktoyazyk-zlango.
  3. 100% Jugendsprache. – München: Langenscheidt, 2016. – 154 S.
  4. Jugendsprachen 2016. Variation – Dynamik – Kontinuität [Die elektronische Ressource]. – Verfügbar über: https://jugendsprachen-2016.uni-graz.at/.
  5. Jugendwort. [Die elektronische Ressource]. – Verfügbar über: http://www.jugendwort.de/.
  6. Lango Messaging [Електронний ресурс]. – Режим доступу: http://lango.appszoom.com/
  7. PONS. Wörterbuch der Jugendsprache 2015: Das Original. – Stuttgart: PONS, 2015. – 144 S.
  8. Oguy O.D. Lexikologie der deutschen Sprache : навч. посібник для студ. вищ. навч. закладів / O.D. Oguy. – Вінниця: Нова книга, 2003. – 416 с.
  9. Schippan T. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache / T. Schippan. – Tübingen: Niemeyer , 2002. – 306 S.
  10. Schlobinski P. Jugendsprache. Fiction und Wirklichkeit / Schlobinski P., Kohl G., Ludewigt I. – Opladen: Westdeutscher Verlag, 1993. – 240 S.
  11. Wiese H. Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht /H. Wiese. – München: C.H. Beck, 2012. – 280 S.
  12. Zlango [Die elektronische Ressource]. – Verfügbar über: http://www.wikiweise.de/wiki/Zlango==0==.

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